Friday, August 12, 2005

The Asian way

Ich moechte mich mit dem Verweise auf meine sechs-Tage-Woche mit 12-Stunden-Tagen fuer das laengere Ausbleiben von Postings entschuldigen. Ich bin gerade dabei herauszufinden, wie viel ich aushalten kann, deswegen sitz ich jetzt noch am Freitag abend um 20:40 im Buero statt in der Sushibar. Freiwillig.
Und nun zur kurzen Beantwortung der aufgekommenen Fragen:
1. Hier ist das erste offizielle Foto von Salariman Felix
2. Mit den IT-Leuten mitzuhalten ist schwer und speziell mit dem Tempo bin ich heillos ueberfordert. Ich kann zwar im Prinzip mit Java, HTML, CSS und JSP umgehen, aber ich brauch halt eine ganze Weile um mich in fremden Code einzulesen. Dafuer gebe ich halt vollen Einsatz und versuche nun taeglich, als erster im Buero zu sein und als letzter zu gehen.
3. Die Leute sind so unpolitisch, das kann man sich bei uns gar nicht vorstellen. So lange der Staat sich nicht fuer das Eigentum der Leute interessiert und sie vor Verbrechen zu schuetzen weiss, ist es egal ob der Herrscher Chinese oder Brite, Kommunist oder Monarch ist. Pragmatismus ist eine Tugend und die Deutschen haben sich mit dieser leider schon immer besonders schwer getan.
considering, in return for, for, in favor of, in place of, instead of, pro [fuer]

Thursday, August 04, 2005

Die grosse Kultur-Evolution

Ein immer wieder aufs neue verblueffendes Erlebnis, speziell in der modernen Welt der kurzen Distanzen und stetigen Veraenderungen, ist die hochgradige kulturelle Vielfalt in der der Mensch wahlweise Individualitaet oder Gruppenzugehoerigkeit zum Ausdruck bringt. Ob als Charlottenburger in Kreuzberg, ZEIT-Leser im Olympiastadion oder Englishman in New York - die Tatsache, dass die eigenen Geschmacks- und Wertevorstellungen kulturell vermittelt sind und in der Regel alles andere als universalistisch zu sein pflegen ist so verblueffend wie beaengstigend. Und so scheint es nur allzu selbstverstaendlich dass auch das Verhaeltniss des Menschen zu seinen vierbeinigen Kameraden durch kulturelle Normen gemassregelt ist. Jedenfalls wuerden in Mitteleuropa sofort die Aktivisten von PETA oder aehnlicher organsierter Zivilsationskrankheiten auf den Plan gerufen, wenn man Hunde in Terrarien packen wuerde und zu Ausstellungszwecken im Schaufenster eines Geschaefts deponieren wuerde. Die ChinesInnen hingegen stoeren sich nicht daran, sondern versammeln sich in Scharen vor den Schaufenstern und stossen dabei immer wieder Schreie der Begeisterung ueber die Niedlichkeit der bemitleidenswerten Geschoepfe aus. Mein anfaengliches Entsetzen konnte sich aber etwas legen, als ich feststellte, dass es sich bei besagtem Geschaeft um ein Zoogeschaeft und nicht etwa um eine Metzgerei handelte. Und ausserdem - wenn man das Verhaeltniss von Koerpergroesse zum zur Verfuegung stehenden Raum als Massstab nimmt, schneiden die Hunde im Vergleich zu den Menschen auch gar nicht so schlecht ab. Und so handelt es sich bei der Ware durchweg um Zwergpinscher, Schnauzer und Pekinesen und nicht etwa Schaeferhunde. Waere auch nicht so ganz einfach mit dem Gassi gehen hier.
Wie bereits erwaehnt, verbringt jedenfalls der Chinese - im Gegensatz zu seinem Hund - den groessten Teil seines Alltags ausser Hauses, die Mahlzeiten im Imbiss-Restaurant zu sich zu nehmen ist Standard und im Gegensatz zu mir weiss der Chinese auch was er bestellt. Dass ihm in der globalisierten Welt, nicht nur was die Bevoelkerungszahl und das Wirtschaftswachstum sondern eben auch die kulinarischen Erungenschaften betrift, eine Spitzenposition gebuehrt ist ihm durchaus bewusst und so kann er es sich leisten, dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht mit bewundernder Naivitaet sondern mit gesundem Pragmatismus zu begegnen. Konkret heisst das, dass er trotz seiner Vorliebe fuer Fast-Food die hiesigen McDonalds Filialen nicht besonders schaetzt. Im Gegensatz zum Orientalen fuehlt er sich jedenfalls durch die wirtschaftliche Praesenz der Yankees nicht in seiner kulturellen Eigenheit gestoert und da der Cheeseburger fuer ihn einfach uninterssanter als die Nudelsuppe ist, kann er seine Kultur auch problemlos mit dem Geldbeutel im Restaurant (anstatt mit dem Sprengstoffguertel in der U-Bahn)verteidigen. Da die unsichtbaren Haende des Marktes nun dafuer sorgen, dass der Kulturimperialist dazu gezwungen ist die Preise massiv zu senken, stellt der sympathische Franchiser fuer den hungrigen Europaer eine gleichwohl willkommen wie preiswerte Alternative zu Huehnerbein auf Sojakeim dar. Ein Burger zum halben Preis schmeckt jedenfalls gleich doppelt so gut und ausserdem ist es drinnen aussergewoehnlich sauber und ruhig. Kurz: Was dem Chinesen recht, ist dem Europaer billig, oder um es mit Oscar Wilde zu sagen: Die Kultur hängt von der Kochkunst ab!

Tuesday, August 02, 2005

"Ein Dummkopf, der arbeitet, ist besser als ein Weiser, der schläft",

sagt ein altes chinesisches Sprichwort, welches mir nun allmorgendlich just zu dem Moment in den Kopf steigt, in dem mich mein Wecker aus dem Reich der Traeume in die unbarmherzige Realitaet zurueckbefoerdert. Die exotische Umgebung wie auch die durch den Arbeitsalltag gegebene soziale Kontrolle machen den Schritt aus der Horizontalen in die Vertikale dabei deutlich unbeschwerlicher, als dies in den absurden Verhaeltnissen des Unialltags die Norm zu sein pflegt, wenn man es sich mit gutem Grund zweimal ueberlegt, ob es sich denn lohnt, den bequemen Schlafplatz des Bettes gegen den unbequemen Schlafplatz des Hoersaals einzutauschen. So weit so gut, obwohl ich puenktlich um 9:00 im Buero erscheine, kommt mir das Gros meiner Kollegen zuvor - die inoffizielle Office Hour scheint bereits eine Stunde frueher zu beginnen.
In den ersten paar Tagen sah das Induction Program der Firma einige Meetings zwischen mir als Trainee und den diversen Abteilungsleitern vor, die mir die Aufgabe ihres jeweiligen Departments praesentierten. War mir das organisatorische und soziale Gefuege einer grossen Firma bislang in etwa so vertraut wie das eines Stammes im Dschungel von Papua-Neuguinea, konnte ich nun einige Bildungsluecken schliessen. Administrative Department, Finance Department, Merchandise Department, OVH Department uswusf. Alle Leute machten einen sehr kompetenten EIndruck auf mich und wirkten auch deutlich motivierter als meine Betreuerin vom Human Resource Department. Es ist tatsaechlich aeusserst faszinierend wie die verschiedenen Raeder ineinandergreifen und wie vielfach effizienter Arbeitsteilung dann funktioniert, wenn sie ausserhalb von WGs stattfindet ;-).
Die Zeit die ich dann zwischen den verschiedenen Treffen vorm Computer verbrachte war wengier spannend, da das Team mit dem ich zukuenftig arbeiten sollte noch in ein anderes Projekt involviert war und ich mir alleine doch etwas ueberfordert mit der Recherche nach vielversprechenden Webportalen vorkam. Bei der Softwarerecherche fuehle ich mich oft wie Herakles im Kampf gegen die Hydra (na ja, nicht ganz so mutig vielleicht). Jedesmal wenn ich ihr einen Kopf abgeschlagen habe, d.h. ein mir unbekanntes Stichwort zu ergruenden gesuche, tauchen in der Erklaerung mindestens zwei neue auf, deren Verstaendnis fuer die Beschaeftigung mit dem vorher erwaehnten unabdingbar zu sein scheint. Das ganze laesst sich natuerlich rekursiv fortsetzen und wenn man nicht aufpasst ist man ganz schnell bei Adam und Eva (d.h. bei Bit und Byte), aber leider ist absolut kein Baum der Erkenntnis in der Naehe. Man muss also lernen, seine Recherche auf das notwendigste zu beschraenken, und um eine Idee von der Notwendigkeit zu bekommen, sollte man wissen, was man eigentlich will, bzw. worauf das ganze hinauslaufen soll. Erstaunlich viele Analogien zum richtigen Leben im Grunde genommen - und, wie im richtigen Leben, war mir genau dies nicht so wirklich klar. Den Unterschied zum richtigen Leben bekam ich dann allerdings am Freitag praesentiert, als sich unser Team zusammensetzte, die Ziele besprach und die Aufgaben verteilte. Als Portal (ich hatte inzwischen eine einigermassen klare Vorstellung davon, um was es sich dabei handelt) wurde Liferay auserkoren, eine auf Java basierende Web-Application. Cool, dachte ich dass klingt nach programmieren, ein bisschen hier und da rumprobieren, Knoepfchen druecken, kryptischen Code editieren. Doch ich hatte mich zu frueh gefreut, denn sogleich wurde mir die naechste Hydra mit dem Namen "Content Management System" vorgestellt. Meiner Kollegin Cosette und mir kam die Aufgabe zuteil, die naechste Woche mit der Recherche nach einem auf Java basierenden Open Source CMS zu verbringen. Ausserdem sollte das CMS eine Integration in unser Portal unterstuetzen, moeglichst unter GPL lizensiert sein und sich durch Benutzerfreundlichkeit auszeichnen. Es gab also genug zu tun und ich ging mit der Gewissheit nach hause, dass ich allen Unkenrufen zum Trotz das richtige Fach zum richtigen Leben studiere. Gute Planung macht den halben Erfolg und der Softwarearchitekt kann sich gluecklich schaetzen, dass er widerspruchsfreie Tutorials zur Verfuegung haben kann, so er zu recherchieren weiss.

Monday, August 01, 2005

Wie Gott in China

In der Mittagspause versammelte sich eine ganze Truppe von Leuten aus meinem Department um mit mir zum Mittagessen zu gehen. Naehere Bekanntschaft hatte ich bisher nur mit Albert, meinem direkten Vorgesetzten, dem Chef des Web-Development-Teams gemacht. Ich war mir nicht ganz sicher ob das Teil einer Begruessungszeremonie war, aber als wir das intendierte Restaurant erreichten und an einer fuerstlichen Tafel Platz nahmen, bestaetigte sich die Vermutung. Ein bisschen aengstlich war ich dann schon, mit meinen 15 zukuenftigen chinesischen Kollegen an einem Runden Tisch sitzend und nicht genaus wissend was mich nun erwartete. In der Mitte des Tisches befand sich eine grosse Drehscheibe zu der alle Teilnehmer bequem Zugriff hatten und auf der alsbald allerlei Koetlichkeiten aufgetischt wurden, von denen ich zwar die wenigsten identifizieren konnte, ich aber dennoch die meisten probierte. Albert bemuehte sich, mir die Zusammensetzung des Mahls zu erklaeren, wenngleich das aufgrund des fehlenden oder unbekannten englischen Vokabulars fuer so manche Dinge nciht ganz einfach war. Die Huehnerfuesse konnte ich noch als solche identifizieren, beim Rindermagen (der dritte, Labmagen war's, ich habs recherchiert!) war das schon schwieriger. Es war wirklich koestlich und stand in keinem Verhaeltniss zu den kulinarischen Enttaeuschungen am ersten Abend. Ein bisschen unangenehm war mir dann aber die doch einigermassen verkrampfte Atmosphaere am Tisch, ich hatte den Eindruck dass die Kollegen sich aufgrund meiner Anwesenheit aus Hoeflichkeit nicht auf Kantonesisch unterhalten wollten und so waren wir dann eine fuer chinesische Verhaeltnisse recht schweigsame Runde, auch wenn ich natuerlich hin und wieder einige Fragen nach meiner Herkunft und meinem Studium zu beantworten hatte. Dies fiel mir leider etwas schwer, da ich mich noch nicht an den chinesischen Akzent gewoehnt hatte . Meine Kunstfertigkeit im Umgang mit den Staebchen veranlasste dann aber einige zu der Annahme, dass mir der asiatische Kulturkreis nicht ganz unbekannt sei und lieferte somit - glaube ich - eine gute Grundlage fuer den kantonesichen Tratsch auf dem Weg zurueck in den Schoss der Firma. Meine Chinesichkenntnisse blieben auf auesserst niedrigem Niveau, aber kaum zurueck im Buero wurden meine Fachchinesischkenntnisse auf die erste Probe gestellt. Naechster Punkt auf dem Induction Program war "Briefing in the IT Department". Ich wurde also mit den Aufgabe konfrontiert, die man so als Programmierer bei Otto Asia zu bewaeltigen hat und wurde in diesem Zusammenhang gleich mit den ganzen Stichwoertern ueberflutet, die mich die naechsten zwei Monate begleiten sollten: Portal - Portlet - Content Management System - Java Enterprise Beans - Liferay - Uportal - JBoss - Tomcat - Struts - Tiles und noch einiges mehr, was mir zu merken mein Kurzzeitgedaechtnis ueberforderte. Am Ende hatte ich soviel verstanden: Die Aufgabe meines Teams in den naechsten zwei Monaten soll es sein, die Website der Firma durch ein Portal upzugraden, um die Firmeninterne Kommunikation auf Basis eines Web-Interfaces zu verbessern. Das klang spannend und mir war klar, dass ich die naechsten drei Tage, in denen ich noch auf Basis meines Induction-Programs die verschiedenen Departments kennenlernen durfte, mich in den freien Minuten einer grossangelegten Nachschlageaktion zu widmen hatte. Schliesslich galt es, eine Grundlage zu entwickeln auf der ich einigermassen in der Lage sein konnte, zu verstehen, was verlangt ist. Das sah zwar nicht ganz einfach aus, aber ich hatte Vertrauen zu meiner Motivation und zu Wikipedia!

Friday, July 29, 2005

Otto - find ich gut

Seit bereits ueber 50 Jahren macht der Otto-Versand, ein Vorzeigeprodukt des Wirtschaftswunders, mit seinem Katalog und vor allem den darin angepriesenen Textilien Millionen deutscher Haushalte gluecklich. Und wer geschickt zu wirtschaften versteht und die Zeichen der Zeit nicht verkennt, verlagert seine Produktion nach Asien und seinen Vertrieb ins Internet. Und wird ganz nebenbei weltweit groesster Internet-Versandhaendler. Und welche Stadt wuerde sich besser als Zentrale von Otto International Asia eignen, als der magische Melting-Pot von Ost und West, fernoestlicher Arbeitsmoral und abendlaendischem Liberalismus?
Als Praktikant beim Otto-Versand in Hongkong hat man quasi das grosse Los gezogen und dessen war ich mir durchaus bewusst, als ich am letzten Montag in der Fruehe in den Aufzug des Hochhauses am Peninsulasquare stieg und in den 21. Stock fuhr.
Das Buero machte sofort einen angenehmen Eindruck auf mich. Ein riesiger Raum (vielleicht 400 qm, ich kann das schlecht einschaetzen), mit diesen kleinen Trennwaenden wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt unterteilt. Und ueberall beschaeftigte Chinesen vor ihren Rechnern sitzend. Fanny Jeung, die mich bereits am Flughafen abgeholt hatte entpuppte sich nun als die Vorsitzende des Human Resource Department (frei uebersetzt: Humankapital :-}) und kam ihrer Aufgabe, mir die Firma vorzustellen, sogleich nach. Ich war ueberrascht, mit welcher Ausdauer sie mir die ganzen Errungenschaften des Otto-Versandes aufzaehlte. Sonderlich Stolz darauf, in einer Firma die sozial wie auch oekologisch eine Vorreiterrolle spielt, schien sie aber nicht zu sein und es belustigte mich ein wenig, mit welcher genervten Routine sie das Induction Program durchfuehrte - sie hat das ganze bestimmt schon 100mal erzaehlt. Den darauf folgenden Rundgang durch die Firma fand ich sehr spannend. Ich lernte die verschiedene Abteilungen kennen und versuchte vergebens, mir die Zuordnung zwischen Gesichtern und Namen und Abteilungen, die ich nacheinander besuchte, einzupraegen. Interessanterweise hat man als Hongkongese im allgemeinen zwei Namen, einen europaeischen wie Bryan oder Clara und einen chinesischen, den zu merken sich weniger einfach ist.
Und danach hatte ich tatsaechlich ein Gespraech mit dem Big Boss. Mr. Kurt Toelleners (von den Angestellten nur ehrfuerchtig "K.T." genannt) erwies sich als sehr sympathisch und er schaffte es ganz gut, eine lockere Atmosphaere zu erzeugen, so dass ich Greenhorn ganz gut die obligatorische Fragen beantworten konnte, was ich mir vom Praktikum erwarte, was ich so mache und so weiter und so fort. Er sah es dann auch gleich als seine Aufgabe, mich dadurch noch weiter zu motivieren, dass er mir Honig ums Maul schmierte, den ich aber bereitwillig annahm. Ich gehoere zu der neuen Generation, die Europa und speziell Deutschland aus dem oekonomischen Tiefschlaf herausholen koenne und mit neuen, innovativen Ideen die Wirtschaft aufmischen werde. Soso. Dass ich mich leider eher der "Generation Wertevakuum" zugehoerig fuehl(t)e, die nun reichlich spaet erkennt, dass die Zeiten in der man als Hippie oder Berufsjugendlicher Karriere machen konnte, nun doch allmaehlich vorbei sind, konnte ich dann gluecklicherweise fuer mich behalten. Und wer weiss... Vielleicht ist fuer mich die in Afrika erworbene Mussepraeferenz nur ein gutes Omen fuer die Leistungsfreude, die sich im Reich der Mitte aneignen laesst...
Nach dem anschliessenden Gespraech mit dem Manager des IT-Departments, in dem zu arbeiten meine Aufgabe sein sollte, konnte ich mit einem angenehmen Gefuehl in die Mittagspause zum Lunch verschwinden, wo es auch nicht minder interessant zuging - aber dazu spaeter.

Monday, July 25, 2005

Lost in Translation

Der ewige Kreislauf zwischen Produktion und Konsum, das Lebenselexier unserer modernen Gesellschaft, gleichsam seligkeitsversprechend wie in den Wahnsinn treibend - in keinem mir bekannten Ort auf dieser Welt ist man ihm so hemmungslos ausgeliefert oder laesst sich so bereitwillig auf ihn ein wie in dieser Metropole. Jedenfalls erteilt die Empirie hier der Erich Fromm'schen These, wonach der verdorbene Westen am HABEN, der ausgeglichene Osten dagegen am SEIN orientiert sei, eine klare Abfuhr. Die miserablen Wohnbedingungen (ich schliesse jetzt einfach mal von meinem Appartement) werden auch ihren Beitrag dazu leisten, dass man die ganze Nacht auf den Beinen ist, um von Boutique zu Supermarkt zu "Cafe" zu eilen. Dabei erinnert mich die Hongkongesische Aesthetik wesentlich mehr an die Geschmacksverirrungen der aegyptischen Oberschicht als an den China-Style mit Drachen, Dschunken und langen Zoepfen, der dem ahnungslosen Europaer beim Besuch eines China-Restaurants als authentisch vorgegaukelt wird. Die gelasseneRuhe des Buddha sucht man hier auch vergebens, im Gegenteil scheint die Hektik hier oberste Handlungsmaxime zu sein, im Imbiss-Restaurant wird jedenfalls ganz eindeutig der Geschwindigkeit vor Geschmack und Stil Prioritaet eingeraeumt. Der Hochgeschwindigkeitswahn setzt sich dann ungestoert auf den Autobahnen fort, die sich ueberall durch die Stadt fressen und fuer den Fussgaenger ein unueberquerbares Hinderniss darstellen. Nicht selten muss man mehrere 100 meter Umweg in Kauf nehmen und sich ueber diverse Bruecken und Tunnels einen Gang durch den Irrgarten bahnen. Meistens kommt man dann allerdings mitten auf einem "Autobahnkreuz" wieder zum Vorschein. Die Suche nach der naechsten Bushaltestelle ist dann schnell die einzige Rettung.
Mein schoenstes Erlebnis hatte ich, als ich am Sonntag im urbanen Hongkong den Kowloon Park ausfindig machte. Der Park ist wirklich eine Oase der Glueckseligkeit inmitten der Hoelle und die ausgelassene Stimmung die ueberall vorherrscht, kann man sich erst dann erklaeren wenn man feststellt, das die meisten der hier ausgiebig Picknickenden keine Chinesen und erst recht kein Europaer sind. Hier laesst sich in hunderterfacher Auspraegung stets das gleiche Schauspiel beobachten: Migranten afrikanischer oder orientalischer Abstammung im Balzversuch mit philipinischen Migrantinnen. Gemeinsam entflieht man fuer ein paar Wochenendsstunden dem permanenten Stress des garantiert arbeitnehmerschutzlosen Arbeitsalltags. Ich habe noch nie so viele lachende Gesichter auf einmal gesehen. Die bestimmt mehrere kubikkilometer grosse Shopping-Mall, die ich als naechstes im Programm hatte, kam mir dann auch wieder wie eine Geisterbahn vor.
Die Versuche, am Abend eine nette Kneipe ausfindig zu machen, die mir als ertraeglicher Aufenthaltsort dienlich haette sein sollen, muss ich leider als gescheitert betrachten. Dafuer kam ich dann in einer netten Imbissbude in den Genuss von Nudelsuppe mit Vogelei oder so - ich habe beschlossen auf das englischsprachige Menu zu verzichten und das Essen in Zukunft nach dem Sympathiewert der Hieroglyphen auszuwaehlen. Im Supermarkt, in dem ich noch nach einem potentiellen Desert Ausschau hielt, konnte ich es dann doch etwas laenger aushalten - Tiefkuehltruhe und Obstregal verwandelten den Konsumtempel kurzerhand in eine Art Naturkundemuseum. Neben einigen mir bis dahin unbekannten Litschiverschnitten ergatterte ich auch einheimisches (und sogar einigermassen preiswertes) Bier und hatte somit eine gute Grundlage, die Stimmung in meinem kleinen Gefaengnis zu verbessern, in das ich allsbald verschwand. Der erste Arbeitstag stand bevor und ich beruhigte mich mit dem sicheren Gefuehl, die groessten Schocks bereits ueberstanden zu haben...

Saturday, July 23, 2005

Ein erster Kulturschock

Das Auschecken ging ueberraschend problemlos vonstatten. Eine Weile musste ich vor dem Gate umherirren, bis ich dem Driver, Mr. Lee Ka Kwong, begegnete. Zu meiner Ueberraschung war meine Vorgesetzte bei Otto Asia, Mrs. Fanny Yeung, auch mitgekommen, was mich schon in die erste Bredouille brachte: In Sekundenbruchteilen entscheiden, wen man jetzt zuerst wie begruesst. Ich entschied mich spontan fuer den Herrn, hatte aber kurz darauf den Eindruck, dass das nicht ganz korrekt war. Nun denn... Auf der Fahrt vom Flughafen in die City haben wir uns dann ganz gut unterhalten. Wie denn mein Studium ist, ob ich schonmal in Asien war, ob ich Chinesisches Essen mag u.s.w. Als wir dann in die Schluchten zwischen 80stoeckigen Wolkenkratzern abtauchten verfiel ich dann doch einen Moment in ehrfuerchtiges Schweigen. Ueberrascht haben mich zudem die weithin sichtbaren Berge, die direkt hinter dem Stadtzentrum liegen und zumindest aus der Distanz wie ein Stueck unberuehrte Natur an der Grenze zur Hardcore-Zivilisation anmuten. Zu guter letzt ging es dann auch noch durch einen Tunnel und schon waren wir in Hong Kong Island. Fanny brachte mich dann zu meinem Appartement im Stadtviertel Causeway Bay und erklaerte mir Detailgetreu wie Schluessel, Lichtschalter und Ventilator funktionieren und auf was ich sonst noch so alles achten muss. Dann war sie schon wieder weg und ich machte mich frisch, um einen ersten Erkundungszug durch das Hongkonger Nachtleben zu starten - es war inzwischen schon 19:30 local Time. Zu meinem Zimmer gibt es nicht viel zu sagen. Vierter Stock, spartanisch aber gross genug um zu ueberleben, integrierte Nasszelle, ausserdem Kuehlschrank, Mikrowelle und Ventilator. In zehn Tagen werde ich aber wie's aussieht wieder umgesiedelt.
Mit dem Ziel, eine Telefonkarte und ein gutes Essen zu ergattern, verliess ich das Haus und stuerzte mich ins Getuemmel. Ich wusste ja in etwa, was mich erwartet, aber wenn man dann tatsaechlich alleine inmitten von Wolkenkratzern, hektischen Chinesen und Leuchtreklameschildern steht, fuehlt man sich doch etwas mulmig. Nach Jahrelanger Dritte-Welt-Erfahrung war es zudem ein ganz n neues Gefuehl, durch eine fremde Stadt zu schlendern und von den Menschen um mich herum nicht beachtet zu werden. Kein "Hello my Friend", kein "you want to buy special price"... Nach 15 Minuten hatte ich genug Luft geschnuppert um mir ein Bild zu machen: Der durchschnittliche Honkongese ist weiblich, kleidet sich bevorzugt in Rosa, hat eine Vorliebe fuer Kitsch-Accessoires und verbringt seinen Abend damit, mobiltelefonierenderweise von einem Konsumtempel zum naechsten zu stolzieren. Die Liberalen Ladenschlussgesetze kommen ihm dabei total entgegen. Dabei ist er auesserst laut und scheint im Gegensatz zu mir absolut Stressresistent zu sein. Vor einem besonders interessante Restaurant mit viel Blinkenden und Tutenden Schildern bleibt er auch gerne einmal stehen, bildet Grueppchen und wartet auf Einlass. Der Vielzahl an Restaurants und Imbissbuden und ihrer jeweiligen Besetzungsdichte nach zu schliessen, speist der Hongkongese nur ungern zu hause. Als Preisbewusster Kunde brauchte ich eine Weile um die Speisegelegenheit meiner Wahl ausfindig zu machen, und entschied mich dann doch relativ spontan fuer eine sehr "einheimisch" wirkende einfache Spelunke. Fuer 30HK$, dass sind ca. 3.50 Euro, bekam ich dann ein duerftiges Chicken mit Reis und eine Tasse Tee, die eher wie Spuelwasser aussah. Doch etwas enttaeuschend. Das "Restaurant" war zudem auesserts zweckmaessig eingerichtet, kleine Tische, Neonlicht, Plastikschalen und -Teller. Mit dem Staebchenessen kam ich ja gluecklicherweise schon vorher zurecht, war dann aber doch erstaunt, als ich feststellte dass die Essmanieren meiner Tischnachbarn trotz Jahrhundertelanger Staebchenerfahrung zumindest nach europaeischen Massstaeben eher "duerftig" waren. Der Chinese scheint zwar gerne zu Essen, sich aber nicht viel Zeit dafuer zu nehmen. Im inoffiziellen Wettbewerb um die schmutzigste Tischdecke war ich jedenfalls hoffnungslos unterlegen...
Zu guter letzt verdrueckte ich mich ins Zimmer und versuchte mehrere Stunden verzweifelt, den Jetlag zu ignorieren und einfach einzuschlafen. Erst die Aufarbeitung meiner Datenbanken-Klausur und die Vorzuege der AitrCon ermoeglichten dieses...

A good start

Welche bessere Einstimmung fuer ein zweimonatiges Praktikum in Hong Kong - dem Herzen des globalen Kapitalismus ostasiatischer Praegung - mag es geben, als drei Stunden nach der letzten Klausur den Flieger zu nehmen und auch noch in der Business Class unterzukommen? Tatsaechlich wurde mir nach ultrastressiger Vorbereitung diese unverhoffte Glueck zuteil. Am Flughafen Tegel, wohin Miwa mich noch begleiten konnte, hinterliess mein juengst erworbenes schickes Hemd bei der freundlichen Dame am Schalter anscheinend einen guten Eindruck, jedenfalls erstellte sie mir ueberraschenderweise eine Bordkarte fuer die Business Klasse und liess sich auch nicht davon abhalten, dass ich in meinem Ehrlichkeitswahn versuchte klarzustellen, dass ich gar nicht fuer diese gebucht hatte. Letztendlich war wohl eine "Ueberbuchung" schuld und mir wars recht. Ich empfehle hiermit ausdruecklich Fluege mit der "Swiss"... Bis Zuerich wars dann noch Economy und ich erhielt bloss ein trauriges Sandwich mit "Bullee" (Dank meiner sueddeutschen Sprachkenntnisse konnte ich diese Verballhornung von "poulet" schon vor dem Reinbeissen identifizieren). In der Bussinessclasse durfte ich dann erfahren, wie es sich so als Geschaeftsmann reist. Das Essen sei hierbei lobend hervorzuheben, auch wenn ich nicht alles identifizieren konnte. Neben einer hervorragenden Sammlung von Schweizer Kaesen und einem augezeichneten Bordeaux gab es noch sowas aehnliches wie "Entenleber in Aspik a la haute culture" - ich war etwas irritiert aber durchaus angetan. Nachdem ich zum Entsetzen der Schweizer Stewardessen nach zwei Stunden auch tatsaechlich alle Funktionen meines vollautomatischen Sitzes herausgefunden zu haben glaubte, konnte ich auch diesem Anerkennung zukommen lassen. Nachdem ich dann auf meinem Privaten Bildschirm bei "Wer wird Millionaer" die virtuellen Millionen gewonnen hatte, erlaubte mir mein Zaubersitz den Schlaf der Gerechten, der erst durch das Champagnerfruehstueck irgendwo ueber Sichuan unterbrochen wurde. Und schon waren wir da. Leider hatten wir irgendwo unterwegs acht Stunden verloren und so musste ich mich, obwohl gerade erst mit dem Fruehstueck fertig, mit einem "Gudn Obig" verabschieden...