Monday, July 25, 2005

Lost in Translation

Der ewige Kreislauf zwischen Produktion und Konsum, das Lebenselexier unserer modernen Gesellschaft, gleichsam seligkeitsversprechend wie in den Wahnsinn treibend - in keinem mir bekannten Ort auf dieser Welt ist man ihm so hemmungslos ausgeliefert oder laesst sich so bereitwillig auf ihn ein wie in dieser Metropole. Jedenfalls erteilt die Empirie hier der Erich Fromm'schen These, wonach der verdorbene Westen am HABEN, der ausgeglichene Osten dagegen am SEIN orientiert sei, eine klare Abfuhr. Die miserablen Wohnbedingungen (ich schliesse jetzt einfach mal von meinem Appartement) werden auch ihren Beitrag dazu leisten, dass man die ganze Nacht auf den Beinen ist, um von Boutique zu Supermarkt zu "Cafe" zu eilen. Dabei erinnert mich die Hongkongesische Aesthetik wesentlich mehr an die Geschmacksverirrungen der aegyptischen Oberschicht als an den China-Style mit Drachen, Dschunken und langen Zoepfen, der dem ahnungslosen Europaer beim Besuch eines China-Restaurants als authentisch vorgegaukelt wird. Die gelasseneRuhe des Buddha sucht man hier auch vergebens, im Gegenteil scheint die Hektik hier oberste Handlungsmaxime zu sein, im Imbiss-Restaurant wird jedenfalls ganz eindeutig der Geschwindigkeit vor Geschmack und Stil Prioritaet eingeraeumt. Der Hochgeschwindigkeitswahn setzt sich dann ungestoert auf den Autobahnen fort, die sich ueberall durch die Stadt fressen und fuer den Fussgaenger ein unueberquerbares Hinderniss darstellen. Nicht selten muss man mehrere 100 meter Umweg in Kauf nehmen und sich ueber diverse Bruecken und Tunnels einen Gang durch den Irrgarten bahnen. Meistens kommt man dann allerdings mitten auf einem "Autobahnkreuz" wieder zum Vorschein. Die Suche nach der naechsten Bushaltestelle ist dann schnell die einzige Rettung.
Mein schoenstes Erlebnis hatte ich, als ich am Sonntag im urbanen Hongkong den Kowloon Park ausfindig machte. Der Park ist wirklich eine Oase der Glueckseligkeit inmitten der Hoelle und die ausgelassene Stimmung die ueberall vorherrscht, kann man sich erst dann erklaeren wenn man feststellt, das die meisten der hier ausgiebig Picknickenden keine Chinesen und erst recht kein Europaer sind. Hier laesst sich in hunderterfacher Auspraegung stets das gleiche Schauspiel beobachten: Migranten afrikanischer oder orientalischer Abstammung im Balzversuch mit philipinischen Migrantinnen. Gemeinsam entflieht man fuer ein paar Wochenendsstunden dem permanenten Stress des garantiert arbeitnehmerschutzlosen Arbeitsalltags. Ich habe noch nie so viele lachende Gesichter auf einmal gesehen. Die bestimmt mehrere kubikkilometer grosse Shopping-Mall, die ich als naechstes im Programm hatte, kam mir dann auch wieder wie eine Geisterbahn vor.
Die Versuche, am Abend eine nette Kneipe ausfindig zu machen, die mir als ertraeglicher Aufenthaltsort dienlich haette sein sollen, muss ich leider als gescheitert betrachten. Dafuer kam ich dann in einer netten Imbissbude in den Genuss von Nudelsuppe mit Vogelei oder so - ich habe beschlossen auf das englischsprachige Menu zu verzichten und das Essen in Zukunft nach dem Sympathiewert der Hieroglyphen auszuwaehlen. Im Supermarkt, in dem ich noch nach einem potentiellen Desert Ausschau hielt, konnte ich es dann doch etwas laenger aushalten - Tiefkuehltruhe und Obstregal verwandelten den Konsumtempel kurzerhand in eine Art Naturkundemuseum. Neben einigen mir bis dahin unbekannten Litschiverschnitten ergatterte ich auch einheimisches (und sogar einigermassen preiswertes) Bier und hatte somit eine gute Grundlage, die Stimmung in meinem kleinen Gefaengnis zu verbessern, in das ich allsbald verschwand. Der erste Arbeitstag stand bevor und ich beruhigte mich mit dem sicheren Gefuehl, die groessten Schocks bereits ueberstanden zu haben...

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