Friday, July 29, 2005

Otto - find ich gut

Seit bereits ueber 50 Jahren macht der Otto-Versand, ein Vorzeigeprodukt des Wirtschaftswunders, mit seinem Katalog und vor allem den darin angepriesenen Textilien Millionen deutscher Haushalte gluecklich. Und wer geschickt zu wirtschaften versteht und die Zeichen der Zeit nicht verkennt, verlagert seine Produktion nach Asien und seinen Vertrieb ins Internet. Und wird ganz nebenbei weltweit groesster Internet-Versandhaendler. Und welche Stadt wuerde sich besser als Zentrale von Otto International Asia eignen, als der magische Melting-Pot von Ost und West, fernoestlicher Arbeitsmoral und abendlaendischem Liberalismus?
Als Praktikant beim Otto-Versand in Hongkong hat man quasi das grosse Los gezogen und dessen war ich mir durchaus bewusst, als ich am letzten Montag in der Fruehe in den Aufzug des Hochhauses am Peninsulasquare stieg und in den 21. Stock fuhr.
Das Buero machte sofort einen angenehmen Eindruck auf mich. Ein riesiger Raum (vielleicht 400 qm, ich kann das schlecht einschaetzen), mit diesen kleinen Trennwaenden wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt unterteilt. Und ueberall beschaeftigte Chinesen vor ihren Rechnern sitzend. Fanny Jeung, die mich bereits am Flughafen abgeholt hatte entpuppte sich nun als die Vorsitzende des Human Resource Department (frei uebersetzt: Humankapital :-}) und kam ihrer Aufgabe, mir die Firma vorzustellen, sogleich nach. Ich war ueberrascht, mit welcher Ausdauer sie mir die ganzen Errungenschaften des Otto-Versandes aufzaehlte. Sonderlich Stolz darauf, in einer Firma die sozial wie auch oekologisch eine Vorreiterrolle spielt, schien sie aber nicht zu sein und es belustigte mich ein wenig, mit welcher genervten Routine sie das Induction Program durchfuehrte - sie hat das ganze bestimmt schon 100mal erzaehlt. Den darauf folgenden Rundgang durch die Firma fand ich sehr spannend. Ich lernte die verschiedene Abteilungen kennen und versuchte vergebens, mir die Zuordnung zwischen Gesichtern und Namen und Abteilungen, die ich nacheinander besuchte, einzupraegen. Interessanterweise hat man als Hongkongese im allgemeinen zwei Namen, einen europaeischen wie Bryan oder Clara und einen chinesischen, den zu merken sich weniger einfach ist.
Und danach hatte ich tatsaechlich ein Gespraech mit dem Big Boss. Mr. Kurt Toelleners (von den Angestellten nur ehrfuerchtig "K.T." genannt) erwies sich als sehr sympathisch und er schaffte es ganz gut, eine lockere Atmosphaere zu erzeugen, so dass ich Greenhorn ganz gut die obligatorische Fragen beantworten konnte, was ich mir vom Praktikum erwarte, was ich so mache und so weiter und so fort. Er sah es dann auch gleich als seine Aufgabe, mich dadurch noch weiter zu motivieren, dass er mir Honig ums Maul schmierte, den ich aber bereitwillig annahm. Ich gehoere zu der neuen Generation, die Europa und speziell Deutschland aus dem oekonomischen Tiefschlaf herausholen koenne und mit neuen, innovativen Ideen die Wirtschaft aufmischen werde. Soso. Dass ich mich leider eher der "Generation Wertevakuum" zugehoerig fuehl(t)e, die nun reichlich spaet erkennt, dass die Zeiten in der man als Hippie oder Berufsjugendlicher Karriere machen konnte, nun doch allmaehlich vorbei sind, konnte ich dann gluecklicherweise fuer mich behalten. Und wer weiss... Vielleicht ist fuer mich die in Afrika erworbene Mussepraeferenz nur ein gutes Omen fuer die Leistungsfreude, die sich im Reich der Mitte aneignen laesst...
Nach dem anschliessenden Gespraech mit dem Manager des IT-Departments, in dem zu arbeiten meine Aufgabe sein sollte, konnte ich mit einem angenehmen Gefuehl in die Mittagspause zum Lunch verschwinden, wo es auch nicht minder interessant zuging - aber dazu spaeter.

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